Einblick in unsere ersten 9 Monate
Ein magischer Start
An einem schönen, warmen Sommertag Mitte August sind wir zusammen gestartet. 23 Schülerinnen und Schüler, 1. Kindergarten bis 6. Klasse, ihre Eltern und wir sassen im Eingangsbereich in einem Kreis und eröffneten den Lernfreiraum mit einem Anfangsritual. Vorfreude, Anspannung und Aufregung zeichneten sich in den Gesichtern ab. Es war ein magischer Moment.
Auf gemeinsamer Entdeckungsreise
Die Kinder machten sich bald daran, die Schule zu erkunden und zu entdecken; und vor allem auch, uns und einander kennenzulernen. Wir widmeten das erste Quartal diesen intensiven Prozessen: vom Ich zum Du zum Wir – was sind meine Bedürfnisse, was sind deine und wo treffen wir uns? Wir begleiteten die Kinder in dieser Kennenlern- und Orientierungsphase, die von Anfang an auch Konflikte und Grenzauslotungen mit sich brachte, mit vielen (Einzel-) Gesprächen, mit Gemeinschaftsspielen und -aktivitäten wie dem Tower of Power, mit gemeinsamem Musizieren und anderen Elementen, die einerseits das einzelne Kind wertschätzen (Geburtstagskalenderkerze und eigene Schatzkiste für die Aufbewahrung wertvoller Arbeiten gestalten) und andererseits die Kinder in das Gefühl hineinwachsen liessen, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Die Schulversammlung jeden zweiten Donnerstag und die Waldtage jeweils am Dienstag waren unter anderem wertvoll dafür.
Team- und Elternarbeit
Diese erste Zeit war für die Kinder, die Eltern und auch uns als Team intensiv auf allen Ebenen. Obwohl wir uns im Voraus bereits vieles überlegt hatten, kamen zahlreiche Fragen natürlich erst im Tagesbetrieb auf und es zeigten sich laufend neue Herausforderungen, die uns zusammenwachsen liessen. Es gelang uns dabei, im Austausch und füreinander spür- und fassbar zu bleiben, auch im Kontakt mit den Eltern. Damit haben wir eine wertvolle Basis geschaffen, die trägt.
Das Lichterfest
Ein erstes Projekt als Gesamtschule war unser Lichterfest, das wir im November feierten. Die ganze Planung und Vorbereitung fand in kleineren Gruppen statt, welchen sich die Kinder anschliessen konnten. So gab es eine Tanzgruppe, eine Lichtergruppe und eine Essensgruppe, die jeweils mit unserer Unterstützung, wo nötig, für einzelne Teile des Fests zuständig waren. Die Ansprache hielten zwei Jungs, die ungern vor Leuten sprachen – mit sicheren Stimmen und Blickkontakt. Kinder vom 1. Kiga bis zur 5. Kl. tanzten bunt durchmischt, begleitet von zwei DJ’s, die die Musikanlage fest im Griff hatten. Mit Wunderkerzen verzierte Desserts wurden unter Applaus mit leuchtenden Augen von den Bäckern hineingetragen. Die Räume waren verziert und geschmückt mit Lichtern und Laternen, die zusammen mit selbstgemachten Fackeln während des Lichterumzuges die Nacht erhellten. Zum Abschluss wurde das Lernfreiraum-Lied mit allen Anwesenden zusammen gesungen: Im Lernfreiruum da wämmer – zämecho und zämesy – wänd lehre und entdecke – und glücklich sy debii – mir tüend alles usprobiere – mir wachsed anenand – mir nähmed d Hand vom andere – und lueged ufenand.
Das Fest war der Inbegriff des Liedes, ein Höhepunkt des zweiten Quartals.
Was ist meins?
Im neuen Jahr rückte die grundlegende Frage ins Zentrum, wie wir die Kinder darin begleiten können, zu dem zu finden, was ihres ist. Zu ihrer ureigenen intrinsischen Freude am Lernen, an der Welt, die sie umgibt und von welcher sie Teil sind. Es war und ist faszinierend, die Kinder in ihrem Tun zu beobachten, wenn wir Erwachsene uns maximal zurückhalten. So entstehen zimmerhohe hexagonförmige Kapla-Türme, selbst genähte Lamas, verschiedenste Tänze, der Cup-Song in Variationen; es werden Spiele gespielt (phasenweise ABC SRF 3, Dixit, Die Werwölfe von Düsterwald, Tutto, Labyrinth, ...), es wird gerechnet (für’s vorteilhafte Pokémonkartentauschen hilft’s, Verchäuferlis, mit Montessori-Material, ...), es wird geschrieben und gelesen, gezeichnet, diskutiert und ausgehandelt; Hütten werden konstruiert und in der Macherei wird gesägt, gebastelt und gewerkt; draussen wird Fussball gespielt, werden Überschläge geübt und Bäume erklommen; drinnen wird Französisch-Memory gespielt, es werden Mähdrescher aus Lego gebaut, Rollenspiele gespielt und in der Küche Muffins gebacken… es wäre endlos. Es liessen sich jeden Tag pro Kind mindestens zehn Kompetenzstufen des Lehrplans 21 abdecken, wenn wir diesen auch noch kurz zu Wort kommen lassen wollen. Die Kinder lernen ständig. Wir können dieses Lernen begleiten, wir können sensible Phasen erkennen und auf sie eingehen («Oh, du findest den Buchstaben A interessant? Schau mal, kennst du diesen auch?»). Und offen sein und bleiben, für die Wege und Gedankengänge der Kinder.
Orientierung
Zusätzlich haben wir von Anfang an verschiedene Formate ausprobiert, um diesem freien Lernen einen Rahmen und den Kindern durch gewisse Strukturen und Grenzen Sicherheit und Orientierung zu geben. So haben wir einen Morgenkreis, mit dem wir in den Tag starten. Wir singen und/oder bewegen uns, wir feiern gegebenenfalls Geburtstagskinder, informieren über den kommenden Tag, Spezielles und Angebote. Anfangs Woche ziehen die Kinder ihr Wochenlösli (Küchendienst, Treppe wischen, Farbstifte spitzen, ...), welches sie spätestens am Donnerstag nach dem Morgenkreis erledigen. Anfangs haben sich mehrere Kinder entzogen, mittlerweile wuselt es im Haus, brummts vom Staubsauger und riechts nach Putzmittel, donnerstags um 9:30 Uhr.
Nach dem Morgenkreis haben wir entweder einen geführten Teil im Kreis mit allen (zum Beispiel zum Thema «Mein Körper») oder die Kinder gehen in ihre Freilernzeit oder sie nehmen an einem Angebot teil. Angebote waren zum Beispiel Yoga, gemeinsames Singen, ein Geschicklichkeitsparcours, schriftlich addieren und subtrahieren oder einer vorgelesenen Geschichte lauschen. Auch hier – ein grosses, weites Feld, wir sind erst am Anfang. Spannend, wie manche Kinder gerne sofort ausprobieren und andere zurückhaltend abwarten, ob sie allenfalls vielleicht bei einem nächsten Mal dabei sein möchten. Es ist uns ein Anliegen, mit Sog statt mit Druck zu arbeiten. Gleichzeitig begleiten wir die Kinder in Widerständen und für sie schwierigen Momenten, im Wissen darum, dass wir Menschen resilient werden können, wenn wir einen gesunden Umgang mit uns und unseren Emotionen lernen und Hindernisse begleitet überwunden statt umgangen werden. Herausfordernd ist dabei teilweise nach wie vor die Gruppendynamik – dieses: was will ich? Will ICH das wirklich? Gehe ich (nicht), weil X (nicht) dort ist? Es braucht Zeit und Geduld, und immer wieder das Bewusstsein für den Weg, das Stehenbleiben und Zurückblicken, welche Entwicklungsschritte jedes einzelne Kind, jede Familie, jede von uns bereits gemacht hat.
Um 10 Uhr klingelt die Znüniglocke, das Znüni wird vom Küchendienst zubereitet. Danach geht es weiter mit Angeboten oder Freilernzeit, je nach Tag und je nach Kind. Am Mittag essen wir gemeinsam (dank den montierten Akustikpanels engagierter Väter mittlerweile in angenehmer Atmosphäre), danach folgt eine individuelle Pause, in der wir die Kinder dazu anhalten, für sich einen Moment zur Ruhe zu kommen.
Nach der Pause starten wir mit einem kurzen Kreis in den Nachmittag, danach ist zum Beispiel die Macherei offen oder es finden andere Angebote statt. Am Montag wurde oft die Kunstkiste geöffnet – ein Bauwagen gefüllt mit Kunstangeboten aller Art, der mit viel Hingabe und Liebe von Franziska Bütikofer ins Leben gerufen worden ist, und der dank dem Umstand, dass er einen neuen Standplatz brauchte, nun bei uns im Einsatz sein darf – so fand zum Beispiel ein Fasnachtsschminken statt oder es wurden Strassenkreiden selber hergestellt und natürlich auch gleich ausprobiert. Am Donnerstagnachmittag gingen wir abwechslungsweise mit dem Kindergarten und der 1.-6. Klasse in die Turnhalle. Auch im Sport ist die Altersdurchmischung kaum Thema – mancher 2. Klässler hat einen mindestens so harten Schuss drauf wie Kinder aus der 4. oder 5. Klasse. Es ist vor allem bereichernd; ein weiteres Gefäss, um Fairplay, Zusammenarbeit, Frustrationstoleranz und Freude am Tun zu (er)leben und lernen. Den Tag beenden wir mit den jüngeren Kindern um 15:15 Uhr nach gemeinsamem Aufräumen und unserem Abschiedslied, mit den älteren Kindern machen wir dann einen Tagesrückblick ins Heft, bei dem sie notieren, was sie heute gemacht haben und wie es ihnen dabei ging. Wir schliessen den Tag mit einer Kreisrunde, aktuell mit Dixit-Karten, zu denen jedes Kind etwas zu seinem Tag sagen darf. Auch hier – wo anfangs zwei, drei sich gemeldet haben, melden sich mittlerweile regelmässig mehr als zwei Drittel.
Unterstützung
So sind wir unterwegs, unterstützt, begleitet und getragen, neben freiwilligen Unterstützenden besonders auch von Eltern und Familien, die an Elterntreffs teilnehmen, mit uns im Austausch sind, Angebote gestalten und durchführen (Töpfern, Nähen, Englisch, Macherei, Saatkugeln herstellen, ...) und von zahlreichen weiteren Menschen im Hintergrund – vielleicht auch von dir, der/die du dies gerade liest. Wir spüren und schätzen diese Unterstützung sehr und freuen uns auf dieses kommende erste 4. Quartal im Lernfreiraum. Unser Unterstützungsverein freut sich nach wie vor sehr über (Neu-) Mitglieder – vielleicht dich? Schau doch hier mal rein, wenn du magst: https://www.lernfreiraum.ch/unterstuetzungsverein Danke!